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In dreckigen Pfützen

Als ich die Bilder dieser Ausstellung das erste Mal sah, neulich in Christians Atelier, musste ich an einen Satz denken, den der Film- und Gesellschaftskritiker Siegfried Kracauer einmal irgendwo, vermutlich eher beiläufig, notiert haben muss: „Die zitternde Oberwelt in der Pfütze, dieses Bild hat mich niemals verlassen.“

Dazu muss man wissen, ich bin kein Fan von großen Zitaten und niemand sollte überprüfen, ob Kracauer das jemals so geschrieben hat, aber ich meine mich zu erinnern, dass er mit diesem Satz dem Kino seine kindliche und deshalb lebenslange Liebe erklären wollte.

Jetzt könnte ich natürlich über den filmischen Charakter von Christians Bildern – die erwartungsvolle Spannung, gleich könne in seinen Szenen alles, der schiere Wahnsinn oder gar nichts, ausbrechen – spekulieren, aber das will ich nicht. Nein, an Kracauers Satz musste ich denken, weil in Christians Bildern ganz konkret geschieht, was Kracauer allegorisch beschreibt: In dreckigen Pfützen erzittert die „Oberwelt“.

Die Oberwelt, das waren für Kracauer, der im ersten Leben Architekt war, die von Ideologie geformten Oberflächen der Gesellschaft. Ihre Fassaden, die Räume, die die Bewegungen und die Wahrnehmungen des Einzelnen alltäglich vorzeichneten, ihre ornamentale Sogkraft. Kracauer fand in ihnen den Zwang und die Brüchigkeit seiner Zeit, der Weimarer Republik und des aufkommenden Nationalsozialismus.

Bei Christian sind es oft die verblassten Fassaden der DDR-Moderne, eine vergangene Oberwelt, in die sich die heutige genauso eingeschrieben hat. In Christians Gemälden erzittert diese Oberwelt aber nicht nur in spiegelnden Pfützen. Auch in anderen Ablagerungen der Zeit: den Rissen im Beton, den herabfallenden Normtapeten und einer wild zurückerobernden Natur. In Bildern eben, die einen niemals verlassen.

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Guggenberger_In_dreckigen_Pfuetzen_2026.pdf

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